Von Paris bis Léon ist es nur eine Kathedrale weit

Wir sammeln gerade Monster, eh‘ Münster oder Kathedralen von besonderem Charme, Reichtum, Kunstfertigkeit, getragen und ausstaffiert von der unsagbaren Spendenfreudigkeit der „Noblen“ und der Bürger der erstarkenden Städte im 12. und 13. Jahrhundert. Bis zum Umbruch der Renaissance entstanden, teilweise nach französischem Vorbild, in Spanien Kathedralen-Monster, die heute Highlights auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostella sind.

Nach Burgos also Léon, französischer als jede andere. Alle Charakteristika gotischer, dem Himmel zugewandter Kirchen, sind hier wieder zu entdecken. Sie konkurriert mit ihren 1.800 m2 Bleiglasfenstern mit St. Chapelle in Paris, genau so wenig Stein ums Glas herum. Nur ist hier alles so viel größer.

Dem Licht entgegen – in Gottes Namen, immer kurz vorm Zusammenbruch.
Rosette verhängt! Ein Bauwerk ohne Anfang und Ende.

Auch hier touristisch alles in Butter, Guide in unserer Sprache, jede Menge Könige, Bischöfe und Künstler, die sich verewigt sehen wollen. Und in Léon immer wieder bis weit in 18. Jahrhundert hinein die Furcht, dass der fragile Bau – auch aufgrund seiner nachträglichen Veränderungen, die dem Zeitgeschmack folgten – einstürzt. Letztlich ein „Wunder“, sie steht noch.

Und hier: unser ökologischer Fußabdruck. Mehr wird’s einfach nicht.

Léon selbst lohnt, die Landschaft der Umgebung eher weniger. Ausgeräumte Agrarsteppe, soweit das Auge reicht und die Straße führt geradeaus nach Salamanca, zum nächsten Monster vor Gabi und vermutlich unserem letzten.

Ein Tag voller Hindernisse – und keine erfreulichen; Ende gut, alles gut.

Zuerst war die Straße nach Riaño gesperrt. Wir folgten der Umleitung, dann dem Navi in die Berge. Es wollte aber nur nach 15 min Serpentinen bequem wenden, um wieder auf die gesperrte Straße zu fahren. Also folgten wir nun den Schildern. Es gab sowieso keine Alternative und dann kaum Abzweigungen. 

Dieser Umweg führte uns durch enge Felsschluchten, die dem Fahrer den Blick in den Himmel verstellten. 

Dann über einen Pass. Hinter uns ein beeindruckendes Felsmassiv und grüne Bergweiden auf der anderen Seite. Hin und wieder ein Dorf, sehr gepflegte Häuser, manche frisch renoviert. 

Der NP der Picos …
Mit Morgennebel.

Nach sehr vielen Kurven kamen wir zurück auf die ursprüngliche Straße, um nach etlichen weiteren Kurven vor einer Absperrung zu stehen. Straße gesperrt von 8:30 – 13 und 15 – 20 Uhr.  Ein französisches Paar im Wohnmobil hatte schon das Picknick ausgepackt. Wir fuhren zurück zu einer kleinen Bar.

Das Tagesmenü gab es nicht. Nur crocetos und chorrizo mit Wasser und Kaffee. Aber dann nach der Baustelle das blödeste, das passieren konnte, einen platten Reifen und keine Chance die Radmuttern los zu bekommen. Also mitten in den Bergen bei schlechter Telefonverbindung einen Pannendienst besorgen und hoffen, hoffen … soweit, so schlecht. Bis Léon, der Stadt in der es vielleicht neue Reifen gibt, mind. 2 Stunden über Bergstraßen weit weg. Aber noch scheint die Sonne und erst am Abend wird es kalt …

Der yellow Plattfuß am steilen Berg auf einer der einsamsten Straßen Spaniens – er hat einen tollen Ausblick, wir harren aus.

Die Straßensperrung hält den Abschleppdienst eine Extrastunde auf. Wir versuchen erneut den Pannendienst in Deutschland zu aktivieren, doch gerade als sie wieder ans Telefon gehen, kommt er um die Ecke. Das Ersatzrad unter dem Auto hätte Gerd ohne hervorragende Werkzeughilfe und das Aufbocken des Autos niemals rausholen können, denn der Schraubenschlüssel, den VW spendiert hat um die Radmuttern zu lösen, passt bei den Alufelgen nicht richtig auf die Schrauben. Damit kann man nicht mal Einbrecher erschrecken. Wir werden ihn ersetzen müssen durch was Anständiges – fürs nächste Mal. Es ist unsere vierte Reifenpanne. Wir haben ein unglückliches Abbo darauf. Jedenfalls erreichen wir Leon, Reifenflicken geht nicht, er macht Beulen. Morgen gibts neue Puschen. Wir erreichen den Campingplatz gegen 20.30, schon fast im Halbdunkel nach einer kurzen Irrfahrt über ganz mörderische Feldwege. Aber: tolle Landschaft, schroffe Bergmassive des Pico de Europa, weite sonnige Hochebenen könnten entschädigen. Wir nehmen heute mal zu wenig davon wahr. Wir sind entschuldigt!

Der einzige, der sich freuen kann, Ist Lars, denn nun habe ich Zeit sein Exposé zu lesen.

Und Lars hatte doch nicht so viel Glück, ich konnte mich nicht recht konzentrieren. Das wird schön noch. Erst als die Reifen gewechselt werden, aber ich dann doch Zeit für Lars. Un der Gerd ist es nicht, der unter dem Auto liegt.

Für Frauen ein aussichtsloses Unterfangen. Und welcher Mann traut sich das auf freier Strecke zu, wenn Muttern streiken und das Werkzeug von VW eher nix taugt? Wir kaufen neue Knarren und besorgen ein Stahlrohr, fürs nächste Mal.

Ein Morgen am spanischen Atlantik

Nachdem Gerd von den 21 Bodegas in Haro nur bei dreien Rioja probieren durfte und auch die eine Flasche für 141 Euro nicht gekauft hat (sondern nur 5 Flaschen, mehr passten nicht aufs Fahrrad und in den Rucksack), es außerdem regnerisch-kalt war, sind wir Richtung Meer abgebogen. Auch hier ist es erfrischend, morgens 15 Grad und erst nach 10 Uhr kommt die Sonne und wärmt unsere Füße. 

Aber ein berauschender Blick auf ein wildes Meer. Wie kalt das Wasser ist, werden wir später testen.

Morgens der erste Blick.
Und dann der zweite Blick! Baden abgelehnt, zu kalt, zu viel unbekannte Strömung.

Wir haben wieder Sterne gesammelt. Die Kathedrale von Burgos hat gleich drei. Weltkulturerbe, durchorganisierter Tourismus, jeder bekommt einen Telefonhörer in seiner Sprache. Zwei Stunden kann man alle Wohltäter, Könige, Bischöfe, Fürsten und Fürstinnen, Heilige und weniger Heilige, Baumeister und Bauhütten auswendig lernen, denn dieser riesige Bau bietet alles. Und das seit dem 12. Jahrhundert. Für dieses Kunstwerk – die erste Kathedrale im gotischen Stil in Spanien – wurde eine königliche Residenz abgerissen. Was tut Mann nicht alles für das eigene Seelenheil. Und wer dort begraben werden wollte, der musste schon eine Kapelle stiften und ein Rentabel spendieren. Eines „goldiger“ als das andere. 

Billig und Demut geht anders.

Die! Kathedrale von Burgos in ihrer martialischen Pracht
Transzendente Unendlichkeit, dem Himmel am nächsten
Meisterliches Gold für die Ewigkeit

Nach Spanien durch die Pyrenäen

Den erstem spanischen Kaffee (eindeutig besser als der französische) trinken wir in Salies de Béarn und überlegen kurz ob wir da bleiben sollen, weil es so ein hübsches Städtchen ist. Salz können wir leider nicht kaufen, es ist Samstag Mittag. Wir sind auf dem Weg nach Santiago de Compostella. Wir eindeutig nicht, aber die Masse an Pilgern, die am Straßenrand permanent von Autos überholt werden, lassen es uns wissen. Von Kontemplation oder spiritueller Einkehr können wir nichts entdecken. Nur öde an der Straße laufen, durch abgeerntete Felder ohne Baum und Strauch, ein zweifelhaftes Vergnügen, jedenfalls von außen betrachtet.

Salies de Béarn

Der erste Zeltplatz ist ebenso öde, ohne Baum und grün. Wir verlasen ihn sofort wieder und fahren weiter bis Estella. Erstaunt über die Morbidität der Stadt, die vielen leeren Geschäfte, dunkle Gassen mit schrägen Gestalten, finden wir doch noch eine nette Tapabar und versöhnen uns mit dem Ort. An sich sehr schöne Häuser, brauchen dringend neues Leben.

Haro wunderbarer Barock
Haro braucht neue Männer!

Ein Reminiszenz an Ulli führt uns nach Logroño aufs Weinfest, auf das die ganze Stadtbevölkerung zu pilgern scheint. Und es ist der Tag des Stierkampfes.

Kampflos? Niemals!
Keine Bierflaschen, lecker Füße im Feuer.

Das Würth-Museum Spanien ist ein Muss. Wer so viel Geld mit Schrauben gemacht hat, kann sich auch einen Kusttempel leisten. Außer uns ist noch ein weiteres Paar da! Das wars!

Sabala 1956: in the supermarket, wo sonst?

Rioja – Mehr als Wein, wohl kaum; ein weinseliger Campingplatz in Haro.

Auf nach Albi und ab in die Pyrenäen

Wir können uns nicht trennen. Ruth, Moni, Conni, Paul, Hans, Theis und wir starten gemeinsam und wollen uns in Albi die Kathedrale und das Toulouse-Lautrec Museum reinziehen. Zuvor zeigen Hans und Moni Lieblingsplätze ihrer „Sommerheimat“, die wir alle lieben und immer wieder sehen wollen. Z.B. all diese kleinen Bergstädtchen mit uralten Brücken, verwinkelten Gassen und steilen Aufstiegen, die Ruth mit Bravour und tapfer bewältigt.

Schöner geht’s kaum, aber bergauf die glatten Steine der Brücke zu besteigen, erfordert Geschick und Kraft. Wir stärken uns zuvor mit Kaffee.
Der Tarn und jede Menge Landschaft – nur paddeln ist schöner.
Sperrwerk am Tarn und der edf-Luxustagungsort. Automatisch duschen und Frösche ärgern. Auch campen ist möglich. Ein schöner Ort für ein anderes Mal.

Wir starten mit drei Gefährten nach Albi. Das Kleine von Hans und Moni, das etwas größere Auto von uns und das Wohnschiff von Theis und Ruth. In Albi zwängen sich R und T durch die Innenstadt, die ganz unverständlich nicht verkehrsberuhigt ist, durch enge Kurven zum Stellplatz, an der Kathedrale vorbei, aber glücklicherweise mit noch zwei freien Plätzen. Wir sind spät dran und „rennen“ in das Bauwerk, das jeder gesehen haben muss, so spektakulär wie es ist.

Was macht der blöde Zug vor diesem hinreissenden Gebäude? Die Bischöfe werden sich im Grab umdrehen
Die rosa Kathedrale mit filigranem Eingang aus geklöppeltem Sandstein – spätgotisch.
Schöner können Monster aus dem 15. Jahrhundert kaum sein, auf, auf in den Himmel, aber nur die Auserwählten.
Bei Nacht sind alle Katzen grau – die Kathedrale bleibt strahlend schön in rosa.
Darauf schaute der fast unfehlbare Bischof von Albi, wenn er seine Stadt sehen wollte.

Nach einem letzten gemeinsamen Getränk, Tanken und Sicherungen im Bus von Theis finden und tauschen, müssen auch wir uns trennen. Die Wege scheiden sich. Theis und Ruth wollen an die Küste des Atlantiks, wir biegen zusammen in die Pyrenäen ab. Zwei kurze Tage, wandern zu Kaskaden, am ersten Tag eine, am zweiten zwei. Einen dritten Tag gibt es nicht …

Und weil wir uns so schlecht trennen können, stoßen Maria und Klaus zu uns, um am ersten Tag in den Pyrenäen mit zu wandern. Am Abend essen wir im Dörfchen Seixt hervorragend Dinge, die wir nicht kannten. Das amuse gueule ist eine dicke Bohnensuppe, eine ganze Schüssel voll. Foie gras (selbstverständlich ohne Maria, Tierdoktor) in Sahne mit gestocktem Ei, dicke Lammstelzen mit Bohnen und Kartoffel und viel Knoblauch. Das stärkt für den nächsten Tag.

Die lange „revolutionäre“ Pause

Seit dem. 9.9. haben wir nichts mehr berichtet obwohl ganz viel stattgefunden hat und viel passiert ist. 

  • Erst zwei Tage mit Moni und Hans in St. Rome allein, kleine Wanderung, Brombeeren sammeln und Marmelade kochen, Yves Klein im Museum Besucherin die blau, blau blau bewundern, gemeinsam mit Jean-Marie und Barbara essen, Ruth und Theis treffen ein, dann alle anderen „Ehemaligen“, die große Runde mit 23 Personen von Norwegen bis Spanien.
  • Das Programm beginnt mit einer Führung im Naturpark, Geier gucken und Buchsbaum beim absterben zusehen, der Zünsler tritt in Massen auf und ist nicht aufzuhalten, die Weidelandschaft, die durch Buchs, Maccia und Trockenrasen geprägt ist, wird ihren Charakter komplett ändern.
  • handschuh-Manufaktur gesehen und nix gekauft. In der Preisklasse spielen wir nicht mit.
  • Das Cause, die Kalktrockenrasen-Landschaft ist in ihrem Dasein endlich, die 2 Mio. Schafe, die zu 38 Mio. Roquefort-Laiben verarbeitet werden könnten (theoretisch) müssen sich dann wohl an was anderes gewöhnen. Die typische Rasse ist nicht besonders hübsch, macht mit ihrer Milch aber einen tollen Käse.
  • Besuch der Giganto-Brücke von Millau – beeindruckend, man streitet über ihre Schönheit, die Mehrheit ist beeindruckt, ist die landschaftlich gut eingepasst und gelungen?
  • Besuch bei den Schafen …, Käseverkostung, hmmmmm!
  • Busfahrt zu drei Templerorten mit ihrer typischen Architektur und
  • Immer wieder essen und trinken wie Gott in Frankreich,
  • Das mache wir wieder, 2021 in Kassel und 2022 in Norwegen.
Performance mit Nackten in blau, was sonst? Yve Klein seiner Zeit voraus?
Das Stahlmonster-Museum in der Hauptstadt des Avyeron Rodez
Noch lebt der Buchs, aber die Invasion des Buchszünslers hört erst auf, wen. Die Raupen nix mehr zu fressen finden.
Das Meisterwerk von Millau.
Jeder Handschuh ein Kunstwerk, aber nicht weniger als 250€, wenn Frau den verliert, brennt die Hütte.
Bei Moni, Barbara, Hans und Jean-Marie atmet Geschichte.
Mähhh! Macht das Lacaune Schaf.
Mio. Käselaibe reifen vor sich hin, können 1 Jahr warten bis zum Verkauf, sind auf dem Foto aus Plastik – Showtime!
Die Templerfestungen heute fein herausgeputzt und besser im Herbst zu besuchen, wenn der Ansturm der Touris abflacht.

Wieviel wir gespeist und getrunken, geredet und gelacht haben, darüber schweigen wir uns aus.

Céret – Künstlerkolonie der frühen 20er Jahre des 20. Jahrhunderts

André Masson lebte und wirkte lange Jahre in Céret gelebt, viele seiner Freunde nachgeholt, mit ihnen zusammen Werke geschaffen und letztlich den Grundstein für das sehenswerte Museum der Stadt gelegt. Selbst besuchen macht Freude, vor allem Samstags vormittags, wenn in allen Straßen Markt ist und Trubel herrscht.

So gibt’s jetzt Impressionen und nicht Impressionisten.

Nicht von Masson, sondern von Pinkus Krémègne, ein litauischer Maler, den es nach Paris gezogen hatte und der später lange in Céret malte.
Der Picasso-Brunnen voller Tiergestalten und Wasserfeen. Wunderbar schattig und stilvoll, Aquarellisten malen, wo auch sonst?
Catalanische Rose trifft aggressive Hornisse oder ist es eine Honigbiene, die sich vor den Pestiziden der Landwirtschaft schützt?
Die definitive Birne aus frischem Ziegenkäse – ganz lecker.
Schlangenbohnen in allen Farben, will ich nächstes Jahr auch in meinem Garten haben !!!
Geruchsexplossion auf südfranzösisch
Am Ende des Marktes: Kaffee muss sein.

Und dann nach dem Lunch noch eine kleine Radeltour zur Brücke, dem Highlight des Städtchens.

Die angeblich älteste Bogenbrücke der Welt.

Später, sehr viel später steht der Herr der Freiluftküche wieder in derselben, allerdings mit nagelneuem Schürzchen in den französischen Farben. Da kann ja nichts mehr schief gehen und die 600g Steak, die wir auf dem Markt in einem Anfall von Fleischeslust angeschnitten bekamen (23,65€, Hilfe!) gelingen selbstredend. Beilage französische Pfifferlinge. Für den nächsten Tag bleibt reichlich Fleisch übrig.

Gerds neues Outfit gegen den Fleckenteufel, der beim Kochen immer gleich hervorspringt.

Perpignan – vor den Pyrenäen ganz entspannt

Doch mit dem Bus hin und zurück für zwei und nur 5€; Windböen um 70 km/h gegen den Wind sprechen eindeutig für Bus, entspannt im hier und jetzt mit Croissant im Mund und in großer Hoffnung auf Kaffee, steigen wir ein.

Nur eine Halbe Stunde später sind wir da, stehen vor dem alten Stadtor und wollen – trotz Plan – einfach nur Kaffee. Aber nicht aus Plastikbechern, wie uns die ersten Kaffeeketten offerieren bis wir endlich auf eine „richtige“ Bar stoßen. Rein und ran an den noisette, großartig.

Zutritt erlaubt. Durchs dicke Tor auf in die Altstadt.

Wir halten einen Plan mit den must-have in der Hand und machen doch alles anders. Es ist Foto-festival in Perpignand mit „den“ Pressefotografen ihre Werke des letzten Jahres präsentieren, wobei wir von neun Stationen nur zwei schaffen, eine Rodin-Maillol Ausstellung, die uns begeistert (so ein Maillolsches Apfelmädchen würde sich in unserem Garten auch gut machen). Dann ist unsere Aufmerksamkeitsspanne zu erschöpft, um weitere Großartigkeiten aufzunehmen. Trotz der Mittagspause in der Markthalle Vauban mit Messermuschel und weiterem Zeugs aus dem Meer. Kaffee danach half nur kurz.

Am Tag darauf treffen wir überraschend wieder auf eine Skulptur von Maillol, die unserem Apfelmädchen ganz ähnlich ist. Das Modell ist ohnehin meist seine Muse. Hier in Elne allerdings ehrt sie die für Vaterland im I. Weltkrieg Gefallenen. In Enle lohnt der Besuch der Cathedrale, wirklich, aber wir lassen sie aus.
Auch das ist Maillol, immer eine neue Ansicht auf die Gattin.
EIn rascher Blick in das urbane Leben. Hier verweilen wir gern zu einem kleinen Kaffee.
Klar, wir besuchen die Festung des mallorquinischen Königs aus dem frühen Mittelalter. Auch dem gehörte Perpignan mal, wie vielen anderen auch.

5 Stunden Stadt sind eine anstrengende Angelegenheit. Wir suchen unseren Bus Nr. 5 und schaukeln gemütlich dem Meer entgegen, um auf eigenen wilden Sturm zu treffen, der Kochen ausschließt. Wer will schon bei jedem Bissen Sand im Mund haben, ständig die Kerze ausgeblasen und auf dem Tisch nichts als Sandkörner. Aber das Wasser ist warm und naß!

Morgen und die nächsten drei Tage bleibt es so. Wir brauchen einen Camping ohne Sand, aber wo soll der herkommen? All unsere Pläne für den nächsten Tag platzen dann auch. Frei nach Brecht, kommt alles anders – überraschend schön.

Ja, mach nur einen Plan 
sei nur ein großes Licht 
und mach dann noch ’nen zweiten Plan 
gehn tun sie beide nicht.

Erst springen wir ins sehr kalte, aufgewühlte Meer und schreien vor Kälte, der Sandstrahler ist noch immer an. Von einem entspannten Strandtag wird keine Rede sein. Also das fällt aus und unser Camping ist auch ein gepuderter Sandhaufen, das gelbe Auto Ocker und beim Frühstück knirscht der Sand gleichfalls zwischen den Zähnen. Wir brechen „die Zelte“ ab und wollen auf eine weniger sandigen Platz am Meer, der uns nicht gefällt. Auch in Collioure haben wir kein Glück und finden keinen Parkplatz für das lange Auto. So unterbleibt der Besuch im Restaurant, dass die Maler des Fauve ausgemalt haben – klar: statt Bezahlung.

Wir geben auf und beschließen La Mer Méditerranée hinter uns zu lassen. Auch im Land gibt es schöne Badestellen. Aber erst treibt es uns nach Céret ins Museum für Moderne Kunst. In diesem kleinen Ort sind die Kubisten, Fauvisten mit späteren Anflügen zum Surrealismus hängen geblieben als eine Weiterreise zu Maillol durch schlechtes Wetter verhindert wurde und sind gleich viele Jahre, Jahrzehnte geblieben, haben andere nachgezogen, bis dann endlich auch Picasso und Braque dem Örtchen Renomee verschafft haben für die Ewigkeit. Pierre Bruns als Mäzene hat den Grundstein für das zugehörige Museum gelegt – ein pyrenäisches must have.

Wer hat das geschaffen als Triptychon für den Eingang? Kein Sprayer, Spanier. Mit eigenem Museum in Barcelona?
Heute wie damals in den 1920er Jahren beherrschen Alster Platanen bürgerliche Stadthäuser und beschauliche Plätze. Einladend, flanierend die Zeit zu vergessen.

Wir verlieben uns ins Städtchen, bleiben spontan auf dem Camping municipal und werden morgen wieder mal „geplant“ auf den Samstagsmarkt radeln, im Grand Café den alten Malern Gedenken und auf deren Wohl einen Mittagslunch genießen. Wir bezahlen, müssen dann nicht das Café ausmalen … wäre wohl auch unerwünscht.

Das Meer ist blau, schaumig weiß, der Wind pustet wild

Vor dem Aufstehen im Mittelmeer schwimmen- immer wieder mein Traum, den wir in dieser Woche erfüllen. Das Wetter ist bedeckt, die Wellen hoch, der Strand steinig, egal rein muss ein!

Verschlafen gegen 8.00 Uhr wackelig auf dem Steinstrand. Einfach ins Wasser fallen lassen und schon wach!

Das auch Matisse das so gemacht hat bezweifle ich zwar, aber in Collioure war er doch, zusammen mit vielen anderen großen Malern. Reisen bildet, wer hätte das gedacht.

Matisse 1905, heute nur noch als Repro zu sehen. Original in NY.
Strandleben in Collioure

Wir sind hingewandert über Stock und Stein, haben eingekauft und der arme Gerd hat alles auf seinem Rücken geschleppt. Aber wir hatten dann wieder Wasser und Wein in unserer romantischen Bucht.

Alle Strandbars schon geschlossen, 31.8. ist Schicht. Schade, denn der September ist noch so schön. Aber die Massen sind weg. rentrèe in france, alle Kinder lernen wieder fleißig.

Wir fahren bis nach Spanien und wieder zurück nur um die wilde Küste zu erleben, essen Tapas, trinken Kaffee in Espagne und haben glatt vergessen wie es auf spanisch heißt die Rechnung zu bestellen. Der nette junge Mann hilft aus. La cuenta! Por favor. Na, geht doch.

Und jetzt auf zum Sandstrand von St. Marie la Mer, 15 km von Perpignan – man kann hinradeln. Wir überlegen noch, es geht immer aufwärts und es sind noch fast 30 Grad. Einen Bus gibt es auch.

Frankreich: In Collioure prägten Matisse, Braque und Marquet den FauvismusFarbe pur und knallig

An einem Sommermorgen des Jahres 1905 war Henri Matisse, mit nur wenigen Sous in der Tasche, nach Collioure gekommen und hatte Quartier in der Pension von Madame Rosette an der Avenue de la Gare bezogen. Der bis dahin vom Impressionismus beeinflußte Maler ließ sich bald von Collioures Farbenspiel becircen, so wie es vielen anderen Malern auch erging … von Rob Kieffer, 9. September 1994, aus: DER ZEIT NR. 37/1994 (Auszug)

Das Hafenstädtchen liegt zwischen Meer und steilen Weinbergen an der felsigen Côte Vermeille, der karminroten Küste am katalonischen Mittelmeer. So ungebändigt wie die zerklüfteten Klippen waren auch die Farbkompositionen der Bilder, die hier entstanden.

Die mediterrane Lichtorgie hat bis heute nichts von ihrem Zauber eingebüßt: grellgetünchte Fischerboote, das gleißende Weiß salzverkrusteter Fangnetze, das Grün und Blau der Fensterläden. Aus dem Rot der Ziegeldächer ragt das zarte Rosa der käppiförmigen Kirchturmkuppel von Saint-Vincent, halb Leuchtturm, halb Minarett.

Farbe pur und knallig bestimmt die Hafen- und Küstenszenerien, die Matisse zehn Sommer lang in Collioure malte. Sein Künstlerkollege André Derain, der ebenfalls dem Charme des maurisch geprägten Hafenortes erlag, schwärmte in einem Brief an den Maler Maurice de Vlaminck: „Da ist vor allem dieses Licht – ein blondes, goldgefärbtes Licht, das jeden Schatten ausradiert. Für mich hat eine verwirrende Arbeit begonnen, denn alles, was ich bisher gemalt habe, scheint mir beschränkt.“ Die Kritiker zeigten anfangs wenig Begeisterung für den Farbenrausch von Matisse, Derain und den anderen Collioure-Fans wie Georges Braque, Raoul Dufy oder Albert Marquet. Sie wurden als fauves, „Wilde“, abgekanzelt, nicht ahnend, daß der so geprägte Kunstbegriff „Fauvismus“ einmal Karriere machen sollte.

Da die Bilder dieser Epoche, die vor dem Ersten Weltkrieg endete, leider nicht mehr in Collioure selbst, sondern in Museen wie dem New Yorker MOMA oder der Sankt Petersburger Eremitage zu bewundern sind, tüftelte man eine originelle Ersatzschau aus. Der „Chemin du Fauvisme“, in einer handlichen Broschüre beschrieben, führt durch die Gassen und über die Hafenpromenade zu zwanzig großformatigen Reproduktionen von Gemälden von Matisse und Derain. Diese licht- und wetterbeständigen Abbildungen hängen unter freiem Himmel an jenen Stellen, wo die Maler damals ihre Staffeleien aufgerichtet haben.

Wer den Fährten der „Wilden“ nachspürt, wird sich irgendwann auch auf der Terrasse des Hotelrestaurants „Les Templiers“ niederlassen. Nachdem Besitzer Jojo Pous die lokale Fischspezialität, in Olivenöl marinierte Anchovis mit Peperoni, empfohlen hat, zeigt er uns seine einzigartige Kunstsammlung. Die Wände des schummrigen Bistroraumes, in dem nach getaner Siesta die Fischer über die Brüsseler Fangquoten-Eurokraten nörgeln, hängen voll von Bildern illustrer Maler. Die Großeltern von Jojo Pous, die so manch mittellosem Künstler Pastis und Fischsuppe spendierten, bekamen als Dank Meisterwerke geschenkt. Es war der Beginn einer einmaligen Kollektion, die heute mit modernen Gemälden in den Speiseräumen und in den Hotelzimmern ihre Fortsetzung findet. Stolz legt uns der Hotelier das Gästebuch vor, das von Maestros wie Picasso, Matisse oder Dalí mit Miniaturzeichnungen und neckischen Sprüchen geschmückt wurde.“

Wir haben kein Boot, müssen also selbst schwimmen!

Wir haben nur noch einen Autoschlüssel. Der andere hat das Bad im Salzwasser nicht überstanden. Die Elektronik ist vermutlich hin, Gerd hat wieder was zu basteln. Es ist das erste Mal, dass wir einen Zweiten dabei haben. Hurra!

Und was soll ich sagen? Der Schlüssel geht wieder. Irgendwer hat das Salz von der Elektronik geleckt.

Strandtag: morgens-Meer, mittags-schwimmen, Nachmittags-Siesta, früher Abend-radeln zum Apero, abends-baden, nachts-Sterne Mond Meer. Tagwerk vollbracht.

Der Strand von heute. Was würde Theis sagen: „Sieht alles aus wie in Schleswig-Holstein“; womit er dieses Mal sogar recht hätte.

Carcassonne – die modernste Verteidigungstrutzburg des Mittelalters

… heute zu schön anzuschauen, um diesen Tourismustrubel auszulassen.

Immer hoch auf den Berg. Ächz, schwitz, stöhn, aber es muss sein.
So breit, aber das kann nur der Fotokünstler so sehen, wenn er den rechten Standpunkt kennt, also geklautes Foto.
Doppelter Verteidigungsring mit Mauern – in Teilen noch von den alten Gothen. Jeder Turm eine eigene Trutzburg, davon ca. 40 Stück.

Dennoch immer wieder Belagerungen, Unterwerfung, von Spanien, Österreich, Frankreich und vielen anderen erobert, verändert, neu- und weiter gebaut. Bis Carcassonne in der Bedeutungslosigkeit versank, denn die Handelswege waren verschoben worden aufgrund der veränderten politischen Machtverhältnisse.

Aber alles das und die viele wichtigen Namen, alles dies ist woanders nachzulesen und braucht hier keine Wiederholung.

Das Streben nach Höherem, lichtdurchflutet und von filigraner Leichtigkeit hat auch in der Kirche von Carcassonne seine Spuren gelegt. Im Ohrensessel vor dem Altar betrachten wir gelassen, dass das Zeugs nur noch mit Stahlverstrebungen des 20. Jahrhunderts aufrecht steht. Schönheit vergeht und beeindruckt weiterhin.

Wir wollen mal wieder ans blaue Meer, ein paar Tage, ehe wir bei Moni und Hans und Barbara und Jean-Marie aufkreuzen und uns mit den unverbesserlichen Weltverbesseren aus meiner Studienzeit treffen. Denn die Erde wird rot, wenngleich es eher dem Sonnenuntergang zu verdanken ist. Auf geht’s ins Wasser des Mittelmeers, das dann doch überraschend kühl ist.